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Richard Strauss -
"Salome"

[ based on the play by Oscar Wilde (1905) ]

Eine große Terrasse im Palast des Herodes, die an den Bankettsaal stößt. Einige Soldaten lehnen sich über die Brüstung. Rechts eine mächtige Treppe, links im Hintergrund eine alte Cisterne mit einer Einfassung aus grüner Bronze. Der Mond scheint sehr hell.

Erste Szene

NARRABOTH
Wie schön ist die Prinzessin Salome heute nacht!
PAGE
Sieh die Mondscheibe, wie sie seltsam aussieht.
Wie eine Frau, die aufsteigt aus dem Grab.
NARRABOTH
Sie ist sehr seltsam. Wie eine kleine Prinzessin,
deren Füße weiße Tauben sind.
Man könnte meinen, sie tanzt.
PAGE
Wie eine Frau, die tot ist.
Sie gleitet langsam dahin.
(Lärm im Bankettsaal.)
ERSTER SOLDAT
Was für ein Aufruhr!
Was sind das für wilde Tiere,
die da heulen?
ZWEITER SOLDAT
Die Juden. (Trocken) Sie sind immer so.
Sie streiten über ihre Religion.
ERSTER SOLDAT
Ich finde es lächerlich,
über solche Dinge zu streiten.
NARRABOTH   (warm)
Wie schön ist die Prinzessin Salome heute abend!
PAGE   (unruhig)
Du siehst sie immer an.
Du siehst sie zuviel an.
Es ist gefährlich,
Menschen auf diese Art anzusehn.
Schreckliches kann geschehn.
NARRABOTH
Sie ist sehr schön heute abend.
ERSTER SOLDAT
Der Tetrarch sieht finster drein.
ZWEITER SOLDAT
Ja, er sieht finster drein.
ERSTER SOLDAT
Auf wen blickt er?
ZWEITER SOLDAT
Ich weiß nicht.
NARRABOTH
Wie blaß die Prinzessin ist.
Niemals habe ich sie so blaß gesehn.
Sie ist wie der Schatten
eine weißen Rose
in einem silbernen Spiegel.
PAGE   (sehr unruhig)
Du mußt sie nicht ansehn.
Du siehst sie zuviel an.
Schreckliches kann geschehn.
DIE STIMME DES JOCHANAAN   (aus der Cisterne)
Nach mir wird Einer kommen,
der ist stärker als ich.
Ich bin nicht wert, ihm zu lösen
den Riemen an seinen Schuh'n.
Wenn er kommt,
werden die verödeten
Stätten frohlocken.
Wenn er kommt,
werden die Augen der Blinden
den Tag sehn.
Wenn er kommt,
die Ohren der Tauben geöffnet.
ZWEITER SOLDAT
Heiß' ihn schweigen!
Er sagt immer lächerliche Dinge.
ERSTER SOLDAT
Er ist ein heil'ger Mann.
Er ist sehr sanft.
Jeden Tag,
den ich ihm zu essen gebe,
dankt er mir.
EIN CAPPADOCIER
Wer ist es?
ERSTER SOLDAT
Ein Prophet.
EIN CAPPADOCIER
Wie ist sein Name?
ERSTER SOLDAT
Jochanaan.
EIN CAPPADOCIER
Woher kommt er?
ERSTER SOLDAT
Aus der Wüste.
Eine Schar von Jüngern war dort
immer um ihn.
EIN CAPPADOCIER
Wovon redet er?
ERSTER SOLDAT
Unmöglich ist's, zu verstehn,
was er sagt.
EIN CAPPADOCIER
Kann man ihn sehn?
ERSTER SOLDAT
Nein, der Tetrarch hat es verboten.
NARRABOTH   (sehr erregt)
Die Prinzessin erhebt sich!
Sie verläßt die Tafel.
Sie ist sehr erregt.
Sie kommt hierher.
PAGE
Sieh sie nicht an!
NARRABOTH
Ja, sie kommt auf uns zu.
PAGE
Ich bitte dich, sieh sie nicht an!
NARRABOTH
Sie ist wie eine verirrte Taube.

Zweite Szene
(Salome tritt erregt ein.)

SALOME
Ich will nicht bleiben.
Ich kann nicht bleiben.
Warum sieht mich der Tetrarch
fortwährend so an
mit seinen Maulwurfsaugen
unter den zuckenden Lidern?
Es ist seltsam, daß der Mann
meiner Mutter mich so ansieht.
Wie süß ist hier de Luft!
Hier kann ich atmen...
Da drinnen sitzen Juden
aus Jerusalem,
die einander über ihre
närrischen Gebräuche
in Stücke reißen...
Schweigsame, list'ge Ägypter
und brutale ungeschlachte Römer
mit ihrer plumpen Sprache...
Oh, wie ich diese Römer hasse!
PAGE   (zu Narraboth)
Schreckliches wird geschehn.
Warum siehst du sie so an?
SALOME
Wie gut ist's, in den Mond zu sehn.
Er ist wie eine silberne Blume,
kühl und keusch.
Ja, wie die Schönheit einer Jungfrau,
die rein geblieben ist.
DIE STIMME DES JOCHANAAN
Siehe, der Herr ist gekommen,
des Menschen Sohn ist nahe.
SALOME
Wer war das, der hier gerufen hat?
ZWEITER SOLDAT
Der Prophet, Prinzessin.
SALOME
Ach, der Prophet! Der,
vor dem der Tetrarch Angst hat?
ZWEITER SOLDAT
Wir wissen davon nichts, Prinzessin.
Es war der Prophet Jochanaan,
der hier rief.
NARRABOTH   (zu Salome)
Beliebt es Euch,
daß ich Eure Sänfte holen lasse,
Prinzessin?
Die Nacht ist schön im Garten.
SALOME
Er sagt schreckliche Dinge
über meine Mutter, nicht wahr?
ZWEITER SOLDAT
Wir verstehn nie, was er sagt,
Prinzessin.
SALOME
Ja,
er sagt schreckliche Dinge über sie.
(Ein Sklave tritt ein.)
SKLAVE
Prinzessin,
der Tetrarch ersucht Euch,
wieder zum Fest hineinzugehn.
SALOME   (heftig)
Ich will nicht hineingehn.
(Der Sklave geht ab.)
SALOME
Ist dieser Prophet ein alter Mann?
NARRABOTH   (dringender)
Prinzessin,
es wäre besser, hineinzugehn.
Gestattet, daß ich Euch führe.
SALOME   (gesteigert)
Ist dieser Prophet ein alter Mann?
ERSTER SOLDAT
Nein, Prinzessin, er ist ganz jung.
DIE STIMME DES JOCHANAAN
Jauchze nicht, du Land Palästina,
weil der Stab dessen,
der dich schlug,
gebrochen ist.
Denn aus dem Samen der Schlange
wird ein Basilisk kommen,
und seine Brut wird die Vögel
verschlinge.
SALOME
Welch seltsame Stimme!
Ich möchte mit ihm sprechen...
ZWEITER SOLDAT
Prinzessin,
der Tetrarch duldet nicht,
daß irgendwer mit ihm spricht.
Er hat selbst
dem Hohenpriester verboten,
mit ihm zu sprechen.
SALOME
Ich wünsche mit ihm zu sprechen.
ZWEITER SOLDAT
Es ist unmöglich, Prinzessin.
SALOME   (immer heftiger)
Ich will mit ihm sprechen...
Bringt diesen Propheten heraus!
ZWEITER SOLDAT
Wir dürfen nicht, Prinzessin.
SALOME   (tritt an die Cisterne heran und blickt hinunter)
Wie schwarz es da drunten ist!
Es muß schrecklich sein,
in so einer schwarzen Höhle
zu leben...
Es ist wie eine Gruft...
(Wild)
Habt ihr nicht gehört?
Bringt den Propheten heraus!
Ich möchte ihn sehn!
ERSTER SOLDAT
Prinzessin, wir dürfen nicht tun,
was Ihr von uns begehrt?
SALOME   (erblickt Narraboth)
Ah!
PAGE
Oh, was wird geschehn?
Ich weiß,
es wird Schreckliches geschehn.
SALOME   (tritt an Narrabot heran, leise und lebhaft sprechend)
Du wirst das für mich tun,
Narraboth, nicht wahr?
Ich war dir immer gewogen.
Du wirst das für mich tun.
Ich möchte ihn bloß sehn,
diesen seltsamen Propheten.
Die Leute haben soviel
von ihm gesprochen.
Ich glaube,
der Tetrarch hat Angst vor ihm.
NARRABOTH
Der Tetrarch
hat es ausdrücklich verboten,
daß irgendwer den Deckel
zu diesem Brunnen aufhebt.
SALOME
Du wirst das für mich tun,
Narraboth, (sehr hastig) und morgen,
wenn ich in meiner Sänfte
an dem Torweg,
wo die Götzenbilder stehn,
vorbeikomme,
werde ich eine kleine Blume
für dich fallen lassen,
ein kleines grünes Blümchen.
NARRABOTH
Prinzessin,
ich kann nicht, ich kann nicht.
SALOME   (bestimmter)
Du wirst das für mich tun,
Narraboth.
Du weißt,
daß du das für mich tun wirst.
Und morgen früh werde ich
unter den Muss'linschleiern
dir einen Blick zuwerfen, Narraboth,
ich werde dich ansehn, kann sein,
ich werde dir zulächeln.
Sieh mich an, Narraboth,
sieh mich an.
Ah! wie gut du weißt,
daß du tun wirst,
um was ich dich bitte!
Wie du es weißt!
(Stark) Ich weiß, du wirst das tun.
NARRABOTH   (gibt den Soldaten ein Zeichen)
Laßt den Propheten herauskommen...
die Prinzessin Salome
wünscht ihn zu sehn.
SALOME
Ah!
(Der Prophet kommt aus der Cisterne.)

Dritte Szene
(Salome, in seinen Anblick versunken, weicht langsam vor ihm zarück.)

JOCHANAAN
Wo ist er, dessen Sündenbecher
jetzt voll ist?
Wo ist er, der eines Tages
im Angesicht alles Volkes
in einem Silbermantel sterben wird?
Heißt ihn herkommen,
auf daß er die Stimme Dessen höre,
der in den Wüsten
und in den Häusern
der Könige gekündet hat.
SALOME
Von wem spricht er?
NARRABOTH
Niemand kann es sagen, Prinzessin.
JOCHANAAN
Wo ist sie,
die sich hingab
der Lust ihrer Augen,
die gestanden hat vor buntgemalten
Männerbildern und Gesandte
ins Land der Chaldäer
schickte?
SALOME   (tonlos)
Er spricht von meiner Mutter.
NARRABOTH   (heftig)
Nein, nein, Prinzessin.
SALOME   (matt)
Ja, er spricht von meiner Mutter.
JOCHANAAN
Wo ist sie,
die den Hauptleuten Assyriens
sich gab?
Wo ist sie,
die sich den jungen Männern
der Ägypter gegeben hat,
die in feinen Leinen
und Hyacinthgesteinen prangen,
deren Schilde von Gold sind
und die Leiber wie von Riesen?
Geht, heißt sie aufstehn
von dem Bett ihrer Greuel,
vom Bett ihrer Blutschande;
auf daß sie die Worte
Dessen vernehme,
der dem Herrn die Wege bereitet,
und ihre Missetaten bereue.
Und wenn sie gleich nicht bereut,
heißt sie herkommen,
denn die Geißel
des Herrn ist in seiner Hand.
SALOME
Er ist schrecklich.
Er ist wirklich schrecklich.
NARRABOTH
Bleibt nicht hier, Prinzessin,
ich bitte Euch!
SALOME
Seine Augen sind von allem
das Schrecklichste.
Sie sind wie die schwarzen Höhlen,
wo die Drachen hausen!
Sie sind wie schwarze Seen,
aus denen irres Mondlicht flackert.
Glaubt ihr, daß er noch einmal
sprechen wird?
NARRABOTH   (immer aufgeregter)
Bleibt nicht hier, Prinzessin.
Ich bitte Euch,
bleibt nicht hier.
SALOME
Wie abgezehrt er ist!
Er ist wie ein Bildnis aus Elfenbein.
Gewiß ist er keusch wie der Mond.
Sein Fleisch muß sehr kühl sein,
kühl wie Elfenbein.
Ich möchte ihn näher besehn.
NARRABOTH
Nein, nein, Prinzessin.
SALOME
Ich muß ihn näher besehn.
NARRABOTH
Prinzessin! Prinzessin...
JOCHANAAN
Wer ist dies Weib, das mich ansieht?
Ich will ihre Augen
nicht auf mir haben.
Warum sieht sie mich so an
mit ihren Goldaugen
unter den gleißenden Lidern?
Ich weiß nicht, wer sie ist.
Ich will nicht wissen, wer sie ist.
Heißt sie gehn!
Zu ihr will ich nicht sprechen.
SALOME
Ich bin Salome, die Tochter der Herodias.
Prinzessin von Judäa.
JOCHANAAN
Zurück, Tochter Babylons!
Komm dem Erwählten des Herrn nicht nahe!
Deine Mutter hat die Erde erfüllt mit
dem Wein ihrer Lüste,
und das Unmaß ihrer Sünden schreit zu Gott.
SALOME
Sprich mehr, Jochanaan,
deine Stimme ist wie Musik in meinen Ohren.
NARRABOTH
Prinzessin! Prinzessin! Prinzessin!
SALOME
Sprich mehr! Sprich mehr, Jochanaan,
und sag mir, was ich tun soll?
JOCHANAAN
Tochter Sodoms, komm mir nicht nahe!
Vielmehr bedecke dein Gesicht mit einem Schleier,
streue Asche auf deinen Kopf,
mach dich auf in die Wüste und suche des Menschen Sohn.
SALOME
Wer ist das, des Menschen Sohn?
Ist er so schön wie du, Jochanaan?
JOCHANAAN
Weiche von mir! Ich höre die Flügel
des Todesengels im Palaste rauschen...
SALOME
Jochanaan!
NARRABOTH
Prinzessin, ich flehe, geh hinein!
SALOME
Jochanaan!
Ich bin verliebt in deinen Leib,
Jochanaan!
Dein Leib ist weiß wie die Lilien
auf einem Felde,
von der Sichel nie berührt.
Dein Leib ist weiß
wie der Schnee
auf den Bergen Judäas.
Die Rosen im Garten
von Arabiens Königin
sind nicht so weiß wie dein Leib,
nicht die Rosen
im Garten der Königin,
nicht die Füße der Dämmerung
auf den Blättern,
nicht die Brüste des Mondes
auf dem Meere,
nichts in der Welt ist so weiß wie
dein Leib.
Laß mich ihn berühren deinen Leib!
JOCHANAAN
Zurück, Tochter Babylons!
Durch das Weib kam
das Übel in die Welt.
Sprich nicht zu mir.
Ich will dich nicht anhör'n!
Ich höre nur
auf die Stimme des Herrn,
meines Gottes.
SALOME
Dein Leib ist grauenvoll.
Er ist wie der Leib
eines Aussätzigen.
Er ist wie eine getünchte Wand,
wo Nattern gekrochen sind;
wie eine getünchte Wand,
wo die Skorpione ihr Nest gebaut.
Er ist wie ein übertünchtes Grab
voll widerlicher Dinge.
Er ist gräßlich,
dein Leib ist gräßlich.
In dein Haar bin ich verliebt,
Jochanaan.
Dein Haar ist wie Weintrauben,
wie Büschel schwarzer Trauben,
an den Weinstöcken Edoms.
Dein Haar ist wie die Cedern,
die großen Cedern von Libanon,
die den Löwen und Räubern
Schatten spenden.
Die langen schwarzen Nächte,
wenn der Mond sich verbirgt,
wenn die Sterne bangen,
sind nicht so schwarz wie dein Haar.
Des Waldes Schweigen...
Nichts in der Welt
ist so schwarz wie dein Haar.
Laß mich es berühren, dein Haar!
JOCHANAAN
Zurück, Tochter Sodoms!
Berühre mich nicht!
Entweihe nicht
den Tempel des Herrn,
meines Gottes!
SALOME
Dein Haar ist gräßlich!
Es starrt von Staub und Unrat.
Es ist wie eine Dornenkrone auf
deinen Kopf gesetzt.
Es ist wie ein Schlangenknoten gewickelt
um deinen Hals.
Ich liebe dein Haar nicht.
(Mit höchster Leidenschaft)
Deinen Mund begehre ich, Jochanaan.
Dein Mund ist wie ein Scharlachband an
einem Turm von Elfenbein.
Er ist wie ein Granatapfel, von
einem Silbermesser zerteilt.
Die Granatapfelblüten in den Gärten von Tyrus,
glüh'nder als Rosen, sind nicht so rot.
Die roten Fanfaren der Trompeten,
die das Nah'n von Kön'gen künden und
vor denen der Feind erzittert,
sind nicht so rot wie dein roter Mund.
Dein Mund ist röter als die Füße der Männer,
die den Wein stampfen in der Kelter.
Er ist röter als die Füße der Tauben,
die in den Tempeln wohnen.
Dein Mund ist wie ein Korallenzweig
in der Dämm'rung des Meer's,
wie der Purpur in den Gruben von Moab,
der Purpur der Könige.
(Außer sich)
Nichts in der Welt
ist so rot wie dein Mund.
Laß mich ihn küssen, deinen Mund.
JOCHANAAN   (leise, in tonlosem Schauder)
Niemals, Tochter Babylons,
Tochter Sodoms... Niemals!
SALOME
Ich will deinen Mund küssen,
Jochanaan. Ich will deinen Mund küssen...
NARRABOTH   (in höchster Angst und Verzweiflung)
Prinzessin, Prinzessin,
die wie ein Garten von Myrrhen ist,
die die Taube aller Tauben ist,
sieh diesen Mann nicht an.
Sprich nicht solche Worte zu ihm.
Ich kann es nicht ertragen...
SALOME
Ich will deinen Mund küssen,
Jochanaan. Ich will deinen Mund küssen.
(Narraboth ersticht sich und fällt tot zwischen Salome und Jochannan.)
SALOME
Laß mich deinen Mund küssen, Jochanaan!
JOCHANAAN
Wird dir nicht bange,
Tochter der Herodias?
SALOME
Laß mich deinen Mund küssen,
Jochanaan!
JOCHANAAN
Tochter der Unzucht,
es lebt nur Einer,
der dich retten kann.
Geh', such' ihn. (Mit großter Wärme) Such' ihn.
Er ist in einem Nachen auf dem See
von Galiläa
und redet zu seinen Jüngern.
(Sehr feierlich)
Knie nieder am Ufer des Sees,
ruf ihn an und rufe ihn beim Namen.
Wenn er zu dir kommt,
und er kommt zu allen, die ihn rufen,
dann bücke dich zu seinen Füßen,
daß er dir deine Sünden vergebe.
SALOME   (wie verzweifelt)
Laß mich deinen Mund küssen,
Jochanaan!
JOCHANAAN
Sei verflucht, Tochter der
blutschänderischen Mutter,
sei verflucht!
SALOME
Laß mich deinen Mund küssen,
Jochanaan!
JOCHANAAN
Ich will dich nicht ansehn.
Du bist verflucht, Salome.
Du bist verflucht.
(Er geht wieder in die Cisterne hinab.)

Vierte Szene
(Herodes, Herodias treten mit Gefolge ein.)

HERODES
Wo ist Salome?
Wo ist die Prinzessin?
Warum kam sie nicht wieder
zum Bankett,
wie ich ihr befohlen hatte?
Ah! Da ist sie!
HERODIAS
Du sollst sie nicht ansehn.
Fortwährend siehst du sie an!
HERODES
Wie der Mond
heute Nacht aussieht!
Ist es nicht ein seltsames Bild?
Es sieht aus,
wie ein wahnwitziges Weib,
das überall nach Buhlen sucht...,
Wie ein betrunkenes Weib,
das durch Wolken taumelt...
HERODIAS
Nein, der Mond ist wie der Mond,
das ist alles.
Wir wollen hineingehn.
HERODES
Ich will hier bleiben.
Manassah, leg Teppiche hierher!
Zündet Facklen an!
Ich will noch Wein mit meinen
Gästen trinken!
Ah! Ich bin ausgeglitten.
Ich bin in Blut getreten,
das ist ein böses Zeichen.
Warum ist hier Blut?
Und dieser Tote?
Wer ist dieser Tote hier?
Wer ist dieser Tote?
Ich will ihn nicht sehn.
ERSTER SOLDAT
Es ist unser Hauptmann, Herr.
HERODES
Ich erließ keinen Befehl,
daß er getötet werde.
ERSTER SOLDAT
Er hat sich selbst getötet, Herr.
HERODES
Das scheint mir seltsam.
Der junge Syrier, er war sehr schön.
Ich erinnere mich,
ich sah seine schmachtenden Augen,
wenn er Salome ansah.
- Fort mit ihm.
(Sie tragen denLeichnam weg.)
Es ist kalt hier. Es weht ein Wind...
Weht nicht ein Wind?
HERODIAS   (trocken)
Nein, es weht kein Wind.
HERODES
Ich sage euch, es weht ein Wind.
- Und in der Luft höre ich etwas,
wie das Rauschen
von mächtigen Flügeln...
Hört ihr es nicht?
HERODIAS
Ich höre nichts.
HERODES
Jetzt höre ich es nicht mehr.
Aber ich habe es gehört,
es war das Wehn des Windes.
Es ist vorüber.
Horch! Hört ihr es nicht?
Das Rauschen
von mächt'gen Flügeln...
HERODIAS
Du bist krank,
wir wollen hineingehn.
HERODES
Ich bin nicht krank.
Aber deine Tochter
ist krank zu Tode.
Niemals hab' ich sie so blaß gesehn.
HERODIAS
Ich habe dir gesagt,
du sollst sie nicht ansehn.
HERODES
Schenkt mir Wein ein.
(Es wird Wein gebracht.)
Salome, komm, trink Wein mit mir,
einen köstlichen Wein.
Cäsar selbst hat ihn mir geschickt.
Tauche deine kleinen roten Lippen hinein,
deine kleinen roten Lippen,
dann will ich den Becher leeren.
SALOME
Ich bin nicht durstig, Tetrarch.
HERODES
(zu Herodias)
Hörst du, wie sie mir antwortet,
diese deine Tochter?
HERODIAS
Sie hat recht.
Warum starrst du sie immer an?
HERODES
Bringt reife Früchte.
(Es wird Früchte gebracht.)
Salome, komm, iß mit mir von
diesen Früchten.
Den Abdruck deiner kleinen
weißen Zähne
in einer Frucht seh' ich so gern.
Beiß nur ein wenig ab,
nur ein wenig von dieser Frucht,
dann will ich essen, was übrig ist.
SALOME
Ich bin nicht hungrig, Tetrarch.
HERODES
(zu Herodias)
Du siehst, wie du diese
deine Tochter erzogen hast!
HERODIAS
Meine Tochter und ich stammen
aus königlichem Blut.
Dein Vater war Kameltreiber,
dein Vater war ein Dieb
und ein Räuber obendrein.
HERODES
Salome, komm, setz dich zu mir.
Du sollst auf dem Thron
deiner Mutter sitzen.
SALOME
Ich bin nicht müde, Tetrarch.
HERODIAS
Du siehst, wie sie dich achtet.
HERODES
Bringt mir - Was wünsche ich denn?
Ich habe es vergessen.
Ah! Ah! Ich erinnere mich -
DIE STIMME DES JOCHANAAN
Siehe, die Zeit ist gekommen,
der Tag, von dem ich sprach, ist da.
HERODIAS
Heiß' ihn schweigen!
Dieser Mensch beschimpft mich!
HERODES
Er hat nichts gegen dich gesagt.
Überdies ist er
ein sehr großer Prophet.
HERODIAS
Ich glaube nicht an Propheten.
Aber du, du hast Angst vor ihm!
HERODES
Ich habe vor niemandem Angst.
HERODIAS
Ich sage dir, du hast Angst vor ihm.
Warum lieferst du ihn nicht
den Juden aus,
die seit Monaten nach ihm schreien?
ERSTER JUDE
Wahrhaftig, Herr, es wäre besser,
ihn in unsre Hände zu geben!
HERODES
Genug davon!
Ich werde ihn nicht
in eure Hände geben.
Er ist ein heil'ger Mann.
Er ist ein Mann,
der Gott geschaut hat.
ERSTER JUDE
Das kann nicht sein.
Seit dem Propheten Elias
hat niemand Gott gesehn.
Er war der letzte,
der Gott von Angesicht geschaut.
In unsern Tagen zeigt sich Gott nicht.
Gott verbirgt sich.
Darum ist großes Übel
über das Land gekommen,
großes Übel.
ZWEITER JUDE
In Wahrheit weiß niemand,
ob Elias in der Tat Gott gesehen hat.
Möglicherweise war es nur
der Schatten Gottes, was er sah.
DRITTER JUDE
Gott ist zu keiner Zeit verborgen.
Er zeigt sich zu allen Zeiten
und an allen Orten.
Gott ist im Schlimmen
ebenso wie im Guten.
VIERTER JUDE
Du solltest das nicht sagen,
es ist eine sehr gefährliche Lehre
aus Alexandria.
Und die Griechen sind Heiden.
FÜNFTER JUDE
Niemand kann sagen, wie Gott wirkt.
Seine Wege sind sehr dunkel.
Wir können nur unser Haupt
unter seinen Willen beugen,
denn Gott ist sehr stark.
{ ERSTER JUDE
Du sagst die Wahrheit.
Fürwahr, Gott ist furchtbar.
Aber was diesen Menschen angeht,
der hat Gott nie gesehn.
Seit dem Propheten Elias
hat niemand Gott gesehn.
Er war der letzte,
der Gott von Angesicht geschaut.
In unsern Tagen zeigt sich Gott nicht.
Gott verbirgt sich.
Darum ist großes Übel
über das Land gekommen,
großes Übel.
Er war der letzte usw.
{ ZWEITER JUDE
In Wahrheit weiß niemand,
ob Elias in der Tat Gott gesehen hat.
Möglicherweise war es nur
der Schatten Gottes, was er sah.
In Wahrheit weiß niemand,
ob Elias auch wirklich Gott gesehen hat.
Gott ist furchtbar,
er bricht den Starken in Stücke,
den Starken wie den Schwachen,
denn jeder gilt ihm gleich.
Möglicherweise usw.
{ DRITTER JUDE
Gott ist zu keiner Zeit verborgen.
Er zeigt sich zu allen Zeiten.
Er zeigt sich zu allen Orten.
Gott ist im Schlimmen
ebenso wie im Guten.
Gott ist zu keiner Zeit verborgen.
Gott zeigt sich zu allen Zeiten
und an allen Orten.
Gott ist im Guten
ebenso wie im Bösen...
{ VIERTER JUDE   (zum dritten)
Du solltest das nicht sagen,
es ist eine sehr gefährliche Lehre
aus Alexandria.
Und die Griechen sind Heiden.
Niemand kann sagen, wie Gott wirkt,
denn Gott ist sehr stark.
Er bricht den Starken
wie den Schwachen in Stücke.
Gott ist stark.
{ FÜNFTER JUDE
Niemand kann sagen, wie Gott wirkt.
Seine Wege sind sehr dunkel.
Es kann sein, daß die Dinge,
die wie gut nennen,
sehr schlimm sind,
und die Dinge,
die wir schlimm nennen,
sehr gut sind.
Wir wissen von nichts etwas...
HERODIAS   (zu Herodes, heftig)
Heiß' sie schweigen,
sie langweilen mich.
HERODES
Doch hab' ich davon sprechen hören,
Jochanaan sei
in Wahrheit euer Prophet Elias.
ERSTER JUDE
Das kann nicht sein.
Seit den Tagen des Propheten Elias
sind mehr als
dreihundert Jahre vergangen.
ERSTER NAZARENER
Mir ist sicher, daß er
der Prophet Elias ist.
ERSTER JUDE
Das kann nicht sein.
Seit den Tagen des Propheten Elias
sind mehr als
dreihundert Jahre vergangen...
ZWEITER, DRITTER, VIERTER UND FÜNFTER JUDE
Keineswegs,
er ist nicht der Prophet Elias.
HERODIAS
Heiß' sie schweigen!
DIE STIMME DES JOCHANAAN
Siehe, der Tag ist nahe,
der Tag des Herrn,
und ich höre auf den Bergen
die Schritte dessen,
der sein wird der Erlöser der Welt.
HERODES
Was soll das heißen,
der Erlöser der Welt?
ERSTER NAZARENER   (emphatisch)
Der Messias ist gekommen.
ERSTER JUDE   (schreiend)
Der Messias ist nicht gekommen.
ERSTER NAZARENER
Er ist gekommen,
und allenthalben tut er Wunder.
Bei einer Hochzeit in Galiläa
hat er Wasser in Wein verwandelt.
Er heilte zwei Aussätzige
von Capernaum.
ZWEITER NAZARENER
Durch bloßes Berühren!
ERSTER NAZARENER
Er hat auch Blinde geheilt.
Man hat ihn auf einem Berge
im Gespräch mit Engeln gesehn!
HERODIAS
Oho! Ich glaube nicht an Wunder,
ich habe ihrer zu viele gesehn!
ERSTER NAZARENER
Die Tochter des Jairus
hat er von den Toten erweckt.
HERODES   (erschreckt)
Wie, er erweckt die Toten?
ERSTER UND ZWEITER NAZARENER
Jawohl. Er erweckt die Toten.
HERODES
Ich verbiete ihm, das zu tun.
Es wäre schrecklich,
wenn die Toten wiederkämen!
Wo ist der Mann zur Zeit?
ERSTER NAZARENER
Herr, er ist überall,
aber es ist schwer, ihn zu finden.
HERODES
Der Mann muß gefunden werden.
ZWEITER NAZARENER
Er heißt, in Samaria weile er jetzt.
ERSTER NAZARENER
Vor ein paar Tagen verließ
er Samaria,
ich glaube, im Augenblick ist er
in der Nähe von Jerusalem.
HERODES
So hört:
Ich verbiete ihm,
die Toten zu erwecken!
Es müßte schrecklich sein,
wenn die Toten wiederkämen!
DIE STIMME DES JOCHANAAN
O über dieses geile Weib,
die Tochter Babylons,
so spricht der Herr, unser Gott:
Eine Menge Menschen wird
sich gegen sie sammeln,
und sie werden Steine nehmen
und sie steinigen!
HERODIAS   (wütend)
Befiehl ihm, er soll schweigen!
Wahrhaftig, er ist schändlich!
DIE STIMME DES JOCHANAAN
Die Kriegshauptleute
werden sie mit ihren Schwertern durchbohren,
sie werden sie mit ihren Schilden zermalmen!
HERODIAS
Er soll schweigen!
DIE STIMME DES JOCHANAAN
Es ist so, daß ich alle Verruchtheit
austilgen werde,
daß ich alle Weiber lehren werde,
nicht auf den Wegen ihrer Greuel
zu wandeln!
HERODIAS
Du hörst, was er gegen mich sagt,
du duldest es, daß er die schmähe,
die dein Weib ist?
HERODES
Er hat deinem Namen nicht genannt.
DIE STIMME DES JOCHANAAN   (sehr feierlich)
Es kommt ein Tag,
da wird die Sonne
finster werden wie
ein schwarzes Tuch.
Und der Mond
wird werden wie Blut,
und die Sterne des Himmels
werden zur Erde fallen
wie unreife Feigen
vom Feigenbaum.
Es kommt ein Tag, wo die Kön'ge
der Erde erzittern.
HERODIAS
Ha, ha! Dieser Prophet
schwatzt wie ein Betrunkener...
Aber ich kann den Klang
seiner Stimme nicht ertragen,
ich hasse seine Stimme.
Befiehl ihm, er soll schweigen.
HERODES
Tanz für mich, Salome.
HERODIAS   (heftig)
Ich will nicht haben, daß sie tanzt.
SALOME
Ich habe keine Lust zu tanzen,
Tetrarch.
HERODES
Salome, Tochter der Herodias,
tanz für mich!
SALOME
Ich will nicht tanzen, Tetrarch.
HERODIAS
Du siehst, wie sie dir gehorcht.
DIE STIMME DES JOCHANAAN
Er wird auf seinem Throne sitzen,
er wird gekleidet sein
in Scharlach und Purpur.
Und der Engel de Herrn
wird ihn darniederschlagen.
Er wird von den Würmern
gefressen werden.
HERODES
Salome, Salome, tanz für mich,
ich bitte dich.
Ich bin traurig heute nacht,
drum tanz für mich.
Salome, tanz für mich!
Wenn du für mich tanzest,
kannst du von mir begehren,
was du willst.
Ich werde es dir geben.
SALOME   (aufstehend)
Willst du mir wirklich alles geben,
was ich von dir begehre, Tetrarch?
HERODIAS
Tanze nicht, meine Tochter.
HERODES
Alles, was du von mir begehren wirst,
und wär's die
Hälfte meines Königreichs.
SALOME
Du schwörst es, Tetrarch?
HERODES
Ich schwör' es, Salome.
SALOME
Wobei willst du das beschwören,
Tetrarch?
HERODES
Bei meinem Leben,
bei meiner Krone,
bei meinen Göttern.
O Salome, Salome, tanz für mich!
HERODIAS
Tanze nicht, meine Tochter!
SALOME
Du hast einen Eid geschworen,
Tetrarch.
HERODES
Ich habe einen Eid geschworen!
HERODIAS
Meine Tochter, tanze nicht!
HERODES
Und wär's die Hälfte
meines Königreichs.
Du wirst schön sein als Königin,
unermeßlich schön.
(Erschauernd)
Ah! - es ist kalt hier.
Es weht ein eis'ger Wind,
und ich höre...
warum höre ich in der Luft
dieses Rauschen von Flügeln?
Ah! Es ist doch so,
als ob ein ungeheurer,
schwarzer Vogel über der
Terrasse schwebte?
Warum kann ich ihn nicht sehn,
diesen Vogel?
Dieses Rauschen ist schrecklich.
Es ist ein schneidender Wind.
Aber nein, er ist nicht kalt,
er ist heiß.
Gießt mir Wasser über die Hände,
gebt mir Schnee zu essen,
macht mir den Mantel los.
Schnell, schnell,
macht mir den Mantel los!
Doch nein! Laßt ihn!
Dieser Kranz drückt mich.
Diese Rosen sind wie Feuer.
(Er reißt sich das Kranzgewinde ab und wirft es auf den Tisch.)
Ah! Jetzt kann ich atmen.
Jetzt bin ich glücklich.
(Matt) Willst du für mich tanzen, Salome?
HERODIAS
Ich will nicht haben, daß sie tanze!
SALOME
Ich will für dich tanzen.
(Sklavinnen bringen Salben und die sieben Schleier und nehmen Salome die Sandalen ab.)
DIE STIMME DES JOCHANAAN
Wer ist Der, der von Edom kommt,
wer ist Der, der von Bosra kommt,
dessen Kleid mit Purpur gefärbt ist,
der in der Schönheit seiner
Gewänder leuchtet,
der mächtig
in seiner Größe wandelt,
warum ist dein Kleid mit
Scharlach gefleckt?
HERODIAS
Wir wollen hineingehn.
Die Stimme dieses Menschen
macht mich wahnsinnig.
(immer heftiger) Ich will nicht haben,
daß meine Tochter tanzt,
während er immer
dazwischenschreit.
Ich will nicht haben, daß sie tanzt,
während du sie
auf solche Art ansiehst.
Mit einem Wort:
Ich will nicht haben, daß sie tanzt.
HERODES
Steh nicht auf, mein Weib,
meine Königin.
Es wird dir nichts helfen,
ich gehe nicht hinein,
bevor sie getanzt hat.
Tanze, Salome, tanz für mich!
HERODIAS
Tanze nicht, meine Tochter!
SALOME
Ich bin bereit, Tetrarch.
SALOMES TANZ
Die Musikanten beginnen einen wilden Tanz. Salome, zuerst noch bewegungslos, richtet sich hoch auf und gibt den Musikanten ein Zeichen, worauf der wilde Rhythmus sofort abgedämpft wird und in eine sanft weigende Weise überleitet. Salome tanzt sodann den "Tanz der seiben Schleier".
Sie scheint einen Augenblick zu ermatten, jetzt rafft sie sich wie neubeschwingt auf. Sie verweilt einen Augenblick in visionärer Haltung an der Cisterne, in der Jochanaan gefangen gehalten wird; dann stürzt sie vor und zu Herodes Füßen.
HERODES
Ah! Herrlich!
Wundervoll, wundervoll!
(zu Herodias) Siehst du,
sie hat für mich getanzt,
deine Tochter.
Komm her, Salome, komm her,
du sollst deinen Lohn haben.
Ich will dich königlich belohnen.
Ich will dir alles geben,
was dein Herz begehrt.
Was willst du haben? Sprich!
SALOME   (süß)
Ich möchte, daß sie mir gleich
in einer Silberschüssel...
HERODES
In einer Silberschüssel -
gewiß doch -
in einer Silberschüssel...
Sie ist reizend, nicht?
Was ist's,
das du in einer Silberschüssel
haben möchtest,
o süße, schöne Salome,
du, die schöner ist
als alle Töchter Judäas?
Was sollen sie dir
in einer Silberschüssel bringen?
Sag es mir!
Was es auch sein mag,
du sollst es erhalten.
Meine Reichtümer gehören dir.
Was ist es,
das du haben möchtest, Salome?
SALOME   (steht auf, lächelnd)
Den Kopf des Jochanaan.
HERODES   (fährt auf)
Nein, nein!
HERODIAS
Ah! Das sagst du gut, meine Tochter.
Das sagst du gut!
HERODES
Nein, nein, Salome;
das ist es nicht, was du begehrst!
Hör' nicht auf
die Stimme deiner Mutter.
Sie gab dir immer schlechten Rat.
Achte nicht auf sie.
SALOME
Ich achte nicht auf die Stimme
meiner Mutter.
Zu meiner eignen Lust
will ich den Kopf des Jochanaan
in einer Silberschüssel haben.
Du hast einen Eid geschworen,
Herodes.
Du hast einen Eid geschworen,
vergiß das nicht!
HERODES   (hastig)
Ich weiß,
ich habe einen Eid geschworen.
Ich weiß es wohl.
Bei meinen Göttern habe ich
es geschworen.
Aber ich beschwöre dich, Salome,
verlange etwas andres von mir.
Verlange die Hälfte
meines Königreichs.
Ich will sie dir geben.
Aber verlange nicht von mir,
was deine Lippen verlangten.
SALOME   (stark)
Ich verlange von dir den Kopf
des Jochanaan!
HERODES
Nein, nein,
ich will ihn dir nicht geben.
SALOME
Du hast einen Eid geschworen,
Herodes.
HERODIAS
Ja, du hast einen Eid geschworen.
Alle haben es gehört.
HERODES
Still, Weib,
zu dir spreche ich nicht.
HERODIAS
Meine Tochter hat recht daran getan,
den Kopf des Jochanaan zu verlangen.
Er hat mich mit Schimpf
und Schande bedeckt.
Man kann sehn,
daß sie ihre Mutter liebt.
Gib nicht nach, meine Tochter,
gib nicht nach!
Er hat einen Eid geschworen.
HERODES
Still, spricht nicht zu mir!
Salome, ich beschwöre dich:
Sei nicht trotzig! Sieh,
ich habe dich immer lieb gehabt.
Kann sein,
ich habe dich zu lieb gehabt.
Darum verlange das nicht von mir.
Der Kopf eines Mannes,
der vom Rumpf getrennt ist,
ist ein übler Anblick.
Hör', was ich sage!
Ich habe einen Smaragd.
Er ist der schönste Smaragd
der ganzen Welt.
Den willst du haben, nicht wahr?
Verlang' ihn von mir,
ich will ihn dir geben,
den schönsten Smaragd.
SALOME
Ich fordre den Kopf des Jochanaan!
HERODES
Du hörst nicht zu,
du hörst nicht zu.
Laß mich zu dir reden, Salome!
SALOME
Den Kopf des Jochanaan.
HERODES
Das sagst du nur, um mich zu quälen,
weil ich dich so angeschaut habe.
Deine Schönheit hat mich verwirrt.
Oh! Oh! Bringt Wein! Mich dürstet!
Salome, Salome,
laß uns wie Freunde
zueinander sein!
Bedenk' dich!
Ah! Was wollt ich sagen?
Was war's?...
Ah! Ich weiß es wieder!...
Salome,
du kennst meine weißen Pfauen,
meine schönen weißen Pfauen,
die im Garten zwischen
den Myrten wandeln...
Ich will sie dir alle, alle geben.
In der ganzen Welt lebt kein König,
der solche Pfauen hat.
Ich habe bloß hundert.
Aber alle will ich dir geben.
(Er leert seinen Becher.)
SALOME
Gib mir den Kopf des Jochanaan!
HERODIAS
Gut gesagt, meine Tochter!
(zu Herodes)
Und du, du bist lächerlich
mit deinem Pfauen.
HERODES
Still, Weib!
Du kreischest wie ein Raubvogel.
Deine Stimme peinigt mich.
Still, sag' ich dir!
Salome, bedenk, was du tun willst.
Es kann sein,
daß der Mann von Gott gesandt ist.
Er ist ein heil'ger Mann.
Der Finger Gottes hat ihn berührt.
Du möchtest nicht,
daß mich ein Unheil trifft, Salome?
Hör jetzt auf mich!
SALOME
Ich will den Kopf des Jochanaan.
HERODES   (auffahrend)
Ah! Du willst nicht auf mich hören.
Sei ruhig, Salome.
Ich, siehst du, bin ruhig. Höre:
(leise und heimlich)
Ich habe an diesem
Ort Juwelen versteckt,
Juwelen, die selbst deine Mutter nie
gesehen hat.
Ich habe ein Halsband mit
vier Reihen Perlen,
Topase,
gelb wie die Augen der Tiger.
Topase, hellrot
wie die Augen der Waldtaube,
und grüne Topase, wie Katzenaugen.
Ich habe Opale, die immer funkeln,
mit einem Feuer, kalt wie Eis.
Ich will sie dir alle geben, alle!
(immer aufgeregter)
Ich habe Chrysolithe und Berylle,
Chrysoprase und Rubine.
Ich habe Sardonyx
und Hyazinthsteine
und Steine von Chalcedon. -
Ich will sie dir alle geben,
alle und noch andere Dinge.
Ich habe einen Kristall,
in den zu schaun keinem
Weibe vergönnt ist.
In einem Perlmutterkästchen
habe ich drei wunderbare Türkise:
wer sie an seiner Stirne trägt,
kann Dinge sehn,
die nicht wirklich sind.
Es sind unbezahlbare Schätze.
Was begehrst du sonst noch, Salome?
Alles, was du verlangst,
will ich dir geben -
nur eines nicht:
nur nicht das Leben
dieses einen Mannes.
Ich will dir den Mantel
des Hohenpriesters geben.
Ich will dir den Vorhang
des Allerheiligsten geben...
DIE JUDEN
Oh, oh, oh!
SALOME   (wild)
Gib mir den Kopf den Jochanaan!
(Herodes sinkt verzweifelt auf seinen Sitz zurück.)
HERODES   (matt)
Man soll ihr geben, was sie verlangt!
Sie ist in Wahrheit ihrer
Mutter Kind!
(Herodias zeiht dem Tetrarchen den Todesring vom Finger und gibt ihn dem ersten Soldaten, der ihn auf der Stelle dem Henker überbringt.)
HERODES
Wer hat meinen Ring genommen?
(Der Henker geht in die Cisterne hinab.)
Ich hatte einen Ring an meiner
rechten Hand.
Wer hat meinen Wein getrunken?
Es war Wein in meinem Becher.
Er war mit Wein gefüllt.
Es hat ihn jemand ausgetrunken.
(Leise) Gewiß wird Unheil
über einen kommen.
HERODIAS
Meine Tochter hat recht getan!
HERODES
Ich bin sicher,
es wird ein Unheil geschehn.
SALOME   (an der Cisterne lauschend)
Es ist kein Laut zu vernehmen.
Ich höre nichts.
Warum schreit er nicht, der Mann?
Ah! Wenn einer mich zu töten käme,
ich würde schreien,
ich würde mich wehren,
ich würde es nicht dulden!...
Schlag zu, schlag zu, Naaman,
schlag zu, sag' ich dir...
Nein, ich höre nichts.
(Gedehnt) Es ist eine schreckliche Stille!!
Ah! Es ist etwas zu Boden gefallen.
Ich hörte etwas fallen.
Es war das Schwert des Henkers.
Er hat Angst, dieser Sklave.
Er hat das Schwert fallen lassen!
Er traut sich nicht, ihn zu töten.
Er ist eine Memme, dieser Sklave.
Schickt Soldaten ihn!
(zum Pagen) Komm hierher,
du warst der Freund dieses Toten,
nicht?
Wohlan, ich sage dir:
Es sind noch nicht genug Tote.
Geh zu den Soldaten
und befiehl ihnen,
hinabzusteigen und mir zu holen,
was ich verlange, was der Tetrarch
mir versprochen hat, was mein ist!
(Der Page weicht zurüch, sie wendet sich Soldaten zu.)
Hierher, ihr Soldaten,
geht ihr in die Cisterne hinunter
und holt mir den Kopf des Mannes!
(schreiend) Tetrarch, Tetrarch,
befiehl deinen Soldaten,
daß sie mir den
Kopf des Jochanaan holen!
(Ein reisengroßer schwarzer Arm des Henkers, streckt sich aus der Cisterne heraus, auf einem sibernen Schild den Kopf des Jochanaan haltend. Salome ergreift ihn. Herodes verhüllt sein Gesicht mit dem Mantel. Herodias fächelt sich zu und lächelt. Die Nazarener sinken in die Knie und beginnen zu beten.)
SALOME
Ah!
Du wolltest mich nicht deinen Mund
küssen lassen, Jochanaan!
Wohl, ich werde ihn jetzt küssen!
Ich will mit meinen Zähnen
hineinbeißen,
wie man in eine reife Frucht
beißen mag.
Ja, ich will ihn jetzt küssen
deinen Mund, Jochanaan.
Ich hab' es gesagt.
Hab' ich's nicht gesagt?
Ja, ich hab' es gesagt.
Ah! Ah! Ich will ihn jetzt küssen...
Aber warum siehst du mich nicht an,
Jochanaan?
Deine Augen,
die so schrecklich waren,
so voller Wut und Verachtung,
sind jetzt geschlossen.
Warum sind sie geschlossen?
Öffne doch die Augen,
erhebe deine Lider, Jochanaan!
Warum siehst du mich nicht an?
Hast du Angst vor mir, Jochanaan,
daß du mich nicht ansehen willst?
Und deine Zunge,
sie spricht kein Wort, Jochanaan,
diese Scharlachnatter,
die ihren Geifer gegen mich spie.
Es ist seltsam, nicht?
Wie kommt es, daß diese rote Natter
sich nicht mehr rührt?
Du sprachst böse Worte gegen mich,
gegen mich, Salome,
die Tochter der Herodias,
Prinzessin von Judäa.
Nun wohl!
Ich lebe noch, aber du bist tot,
und dein Kopf, dein Kopf gehört mir!
Ich kann mit ihm tun, was ich will.
Ich kann ihn den Hunden vorwerfen
und den Vögeln der Luft.
Was die Hunde übrig lassen,
sollen die Vögel der Luft verzehren...
Ah! Ah! Jochanaan, Jochanaan,
du warst schön.
Dein Leib war eine Elfenbeinsäule
auf silbernen Füßen.
Er war ein Garten voller Tauben
in der Silberlilien Glanz.
Nichts in der Welt
war so weiß wie dein Leib.
Nichts in der Welt
war so schwarz wie dein Haar.
In der ganzen Welt
war nichts so rot wie dein Mund.
Deine Stimme
war ein Weihrauchgefäß,
und wenn ich ansah,
hörte ich geheimnisvolle Musik...
(In den Anblick von Jochanaans Haupt versunken.)
Ah! Warum hast du mich nicht angesehn,
Jochanaan? Du legtest über deine Augen die Binde eines,
der seinen Gott schauen wollte. Wohl!
Du hast deinen Gott gesehn, Jochanaan,
aber mich, mich, hast du nie gesehn.
Hättest du mich gesehn, du hättest mich geliebt!
Ich dürste nach deiner Schönheit.
Ich hungre nach deinem Leib.
Nicht Wein noch Äpfel können mein Verlangen stillen...
Was soll ich jetzt tun, Jochanaan?
Nicht die Fluten noch die großen Wasser
können dieses brünstige Begehren löschen...
Oh! Warum sahst du mich nicht an?
Hättest du mich angesehn,
du hättest mich geliebt.
Ich weiß es wohl, du hättest mich geliebt.
Und das Geheimnis der Liebe ist größer
als das Geheimnis des Todes.
HERODES   (leise zu Herodias)
Sie ist ein Ungeheuer, deine Tochter.
Ich sage dir, sie ist ein Ungeheuer!
HERODIAS   (stark)
Sie hat recht getan.
Ich möchte jetzt hier bleiben.
HERODES   (steht auf)
Ah! Da spricht meines Bruders Weib!
(Schwächer) Komm, ich will nicht an diesem Orte bleiben.
(heftig) Komm, sag' ich dir! Sicher,
es wird Schreckliches geschehn.
Wir wollen uns im Palast verbergen,
Herodias, ich fange an zu erzittern...
(Der Mond verschwindet.)
(Auffahrend) Manassah, Issachar, Ozias, löscht die Fackeln aus.
Verbergt den Mond, verbergt die Sterne!
Es wird Schreckliches geschehn.
(Die Sklaven löschen die Fackeln aus. Die Sterne verschwinden. Eine große Wolke zieht über den Mond und verhüllt ihn völlig. Die Bühne wird ganz dunkel. Der Tetrarch beginnt die Treppe hinaufzusteigen.)
SALOME   (matt)
Ah! Ich habe deinen Mund geküßt,
Jochanaan. Ah! Ich habe ihn geküßt, deinen Mund,
es war ein bitterer Geschmack auf deinen Lippen.
Hat es nach Blut geschmeckt?
Nein? Doch es schmeckte vielleicht nach Liebe...
Sie sagen, daß die Liebe bitter schmecke...
Allein was tut's? Was tut's?
Ich habe deinen Mund geküßt, Jochanaan.
Ich habe ihn geküßt, deinen Mund.
(Der Mond bricht wieder hervor und beleuchtet Salome.)
HERODES   (sich umwendend)
Man töte dieses Weib!
(Die Soldaten stürzen sich auf Salome und begraben sie unter ihren Schilden.)

(Der Vorhang fällt schnell.)

Ende.

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